Manfred Ohm

     
 


Anmerkungen zu gängigen Anti-Antiamerikanismus-Thesen [1]

 

Sebastian Voigts historischer Rückblick und seine Thesen in Anlehnung an Sharansky (S. 23: 1. und 2. – siehe Anhang unten) sind ja ganz ok, wenn auch nicht gerade neu. Bezogen auf das bundesrepublikanische Deutschland spricht SV aber zu pauschal von den Linken. Seine Kritik ist berechtigt, wenn sie auf moralisch bzw. ökonomistisch argumentierende Antiimperialisten und naive Globalisierungskritiker abhebt (siehe in meinem Skript ‚Metropolitane Dominanz bzw. Hegemonie im globalen Kapitalismus’ II 2). Gegen diese lässt sich wohlfeil argumentieren.

 

Die Friedensbewegung – wieder die – kann man so pauschal nicht in diesen Topf stecken. Es stimmt schlicht nicht, dass die Friedensbewegung sich über die Folterkeller und -praktiken im Irak Saddams ausschwieg, dass sie sich nicht für Tschetschenien interessiert und dass eine pazifistische Linke von einem militärisch starken (!) Europa träumt.

 

Des Weiteren ist die These unter 4., der Antiamerikanismus habe eine Mehrheitsmeinung hinter sich, mehr als gewagt – sozusagen vom Nazi bis zu Habermas: alles Antiamerikaner. Um nur bei den im Bundestag vertretenen Parteien / Abgeordneten zu bleiben (die PDS nehme ich mal aus): das sind doch allesamt Atlantiker, vielleicht bis auf eine Handvoll Rechtskonservativer. Man darf sich da nicht durch ‚Kritik’ an der US-Administration täuschen lassen. Übel nimmt man der letzteren nicht ihre Rolle als Welt-Hegemonialmacht. Man verlangt nur, dass der Hegemon sich ‚hegemoniefähig’ verhalten soll, d.h. nicht auf die ‚unilaterale Option’ setzt (siehe mein Skript II 3). Bezogen auf die Kontrolle der Nah-Mittel-Ost-Region, die ja alle Triadestaaten
(USA, EU, Japan) betreiben, geht der Streit um das
Wie und nicht um das Ob (siehe meine Überschrift von I in dem genannten Skript); das Gleiche gilt für die Terrorismusbekämpfung.

 

SVs Verweis, dass das Kapitalverhältnis als abstraktes begriffen werden müsse, ist ja (erst einmal) richtig und muss immer wieder jenen entgegen gehalten werden, die meinen, es könne so etwas wie einen soften, ‚menschlichen’ Kapitalismus geben (Müntefering, Grass, selbst Negt u.v.a.).

Marx arbeitet in seinem dreibändigen ‚Kapital’ die wesentlichen Bestimmungen des Kapitalismus heraus, jenes, was bei aller historischen Veränderung gleich bleiben muss, damit wir überhaupt von ‚Kapitalismus’ sprechen können. Laut Marx wird also nicht ein bestimmter Kapitalismus dargestellt, sondern „nur die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise, sozusagen in ihrem idealen Durchschnitt“  (MEW 25: 839). D.h., er arbeitet im ‚Kapital’ ganz abstrakt einige grundlegende Strukturelemente und Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft aus. Er schreibt aber keine Theorie dieser Gesellschaft, keine Theorie einer konkreten Gesellschaftsformation. Man kann laut Joachim Hirsch (2003, 2005), der an Gramsci, Poulantzas und Regulationstheoretiker anknüpft, die bürgerliche Gesellschaft nicht verstehen ohne Staat, man kann das Kapital nicht verstehen ohne Staat,[2] der Staat selbst ist ein Bestandteil des Kapitalverhältnisses. Eine solche Position findet man im ‚Kapital’ nicht; in den  drei Bänden fehlt eine systematische Untersuchung des Staates (von Marx geplant, aber nie durchgeführt). „Der Staat ist ein Bestandteil des Ka-pitalverhältnisses selber, weil das Kapitalverhältnis als reines, abstraktes nicht funktionieren kann“ (Hirsch 2003). Oder mit Michael Heinrich (2004) formuliert: Staatliche Politik lässt sich nicht auf die einfache Umsetzung von Notwendigkeiten der kapitalistischen Ökonomie reduzieren, alternative Strategien sind möglich (siehe in meinem Skript ‚Zur Formbestimmung des postkolonialen Staates’ S. 4 unten einschließlich der Fußn. 5). So gab es während des weitgehend krisenfreien ‚Golden Age’ der fordistischen Phase – die wohl eine historische Ausnahme war und sich hauptsächlich auf die Länder der I. Welt beschränkte – Varianten dieser Gesellschaftsformation: das angelsächsische (USA, GB), das japanische, das skandinavische Modell und den sog. Rheinischen Kapitalismus (D, F). Als Ende der 1970er Jahre der Fordismus in die Krise geriet (siehe ‚Metropolitanische D. ...’ Fußn. 25) gab es somit, und gibt es bis heute, unterschiedliche Varianten / Formen der Krisenbearbeitung der starken Triadestaaten – unter dem Vorzeichen eines mehr und mehr Gestalt annehmenden globalen Konkurrenzkapitalismus. Dass das zu Konflikten innerhalb der Triade führt/e (noch dazu bei starker Dominanz der USA insbesondere in den 1990er Jahren) ist nicht verwunderlich, sollte aber auch nicht überbewertet werden, weil es Varianten innerhalb einer neoliberalen Krisenbereinigungspolitik sind.

 

Unter dieser Politik (durchaus „konkreter Akteure“ (SV These 2), allerdings nicht nur der US-Administration) leiden nicht nur
die subalternen Klassen in den kapitalistischen Metropolen, sondern besonders jene in der sog. III. und II. Welt, oder pauschal gesagt: die subalternen Staaten (siehe ‚Metropolitanische D. ...’ Teil III). Teile der III. Welt, Staaten und soziale Bewegungen, wollen nicht die Verlierer, gar Opfer dieser ‚Modernisierungspolitik’ werden und beginnen sich zu wehren. Neben lateinamerikanischen Bewegungen, die ihrer ‚link(s-sozialdemokratisch)en’ Staatsführung nahestehen oder auch nicht, ist zweifellos der politische Islam Ausdruck dieser Gegenwehr. Inwieweit diese Gegenwehr mehr ist als ein ideologischer Reflex
und konzeptionell und politisch-praktisch zu eigenständigen Entwicklungspfaden führt, führen kann bleibt fraglich. Keine Überlebenschance haben radikal islamistische Gruppierungen samt ihres militant jihadistischen Flügels, selbst wenn der Terror der letzteren, der nur blindwütig zerstört, noch einige Jahre andauern kann. Von einer totalitären Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft (-en der Triadestaaten) von außen, d.h. durch den Islamismus, kann aber keine Rede sein, wie SV in seiner These 7 suggeriert (Näheres siehe meine Texte ‚Politischer Islam, Terror und asymmetrische Weltordnung, aufgeklärter Pazifismus’ und ‚Islamistischer Judenhass und der Palästinakonflikt’).

So gepolt kommt SV in derselben These zu dem Schluss, dass nur vom Individuum aus emanzipatorische Kritik möglich sei,
und gerade in der heutigen Zeit sei es notwendig, die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft hervorzuheben. Als ob sich die Geschichte so einfach wiederholt; man sollte nicht verkürzte, falsche Analogien konstruieren (SV sollte einmal nachschauen, aus welcher Zeit das von ihm benutzte Horkheimer-Zitat stammt
[3]). Um noch einmal Marx zu bemühen, der ja durchaus die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft herausgestellt hat: Als eine Kritik der politischen Ökonomie geht es ihm in seinem Hauptwerk ‚Das Kapital’ um eine fundamentale Kritik an der gesamten bisherigen Wirtschaftswissenschaft, um eine wissenschaftliche Revolution’, allerdings um eine in politischer, sozialrevolutionärer Absicht. Und sein „Verein freier Menschen“ (MEW 23: 93) kann nun wirklich nicht als eine Anhäufung bürgerlicher Individuen betrachtet werden.

 

 

Anhang

 Voigts Thesen 1 und 2

1.   „Kritik an den USA ist antiamerikanisch, wenn sie dämonisiert ..., wenn sie delegitimiert, i.e. die bloße Existenz der USA als Übel betrachtet und die USA als inhärent böse, als das Weltübel an sich sieht. Kritik an den USA ist antiamerikanisch, wenn sie die USA mit doppelten Standards misst. (...)

2.   Antiamerikanismus ist das Gegenteil von Gesellschaftskritik. ... Der Antiamerikanismus ist ein Ressentiment, das dem Bedürfnis entspringt, komplexe globale Verhältnisse zu simplifizieren. Das Kapitalverhältnis wird nicht als abstraktes begriffen und kritisiert, sondern es werden konkrete Akteure angegriffen. Alle Übel der Welt werden auf das Agieren eines Nationalstaates zurückgeführt. (...)“

 Thesenausschnitte 3 – 7 (auf die ich direkt nicht eingehe)

3.  „Der Antiamerikanismus ermöglicht der Linken wieder zurück ins Vaterland zu kommen. (...)

4.   Der Antiamerikanismus wird als permanenter Tabubruch insziniert. Als ob die USA nur hinter vorgehaltener Hand kritisiert werden dürfen ... . (...)

5.   Der Antiamerikanismus hat eine wichtige Funktion für die Konstituierung einer europäischen Identität. ... [Er] ist das ideologische Schmiermittel für eine europäische Machtpolitik. (...)

6.   Ein Teil der Linken [strebt] ein Bündnis mit Islamisten [an]. ... [D]ie Hamas [wird] als Gesprächspartner akzeptiert.“ Die Linke verklärt sie und Al Quaida zu „antiimperialistischen Widerstandskämpfern. (...)

7.   Die Linke ... verharmlost den Islamismus. (...)“

 

 


[1] Ich beziehe mich exemplarisch auf Voigt, Sebastian 2005: Antiamerikanismus. Referat, gehalten auf der Ferienakademie der Rosa-Luxemburg-Stiftung im September 2005
Unter:
www.rote-ruhr-uni.com/texte/voigt_antiamerikanismus.pdf

 [2] Ähnlich argumentiert Michael Heinrich (2004): Kapitalkritik sei ohne Staatskritik nicht nur unvollständig, sie lade zu Missverständnissen geradezu ein.

[3] Das Horkheimer Zitat lautet: „Offen zu sagen, die fragwürdige Demokratie sei bei allen Mängeln immer noch besser als die Diktatur, die ein Umsturz heute bewirken müsste, scheint mir jedoch um der Wahrheit willen notwendig zu sein. Die begrenzte ephemere Freiheit des Einzelnen im Bewusstsein ihrer zunehmenden Bedrohung zu schützen, zu bewahren,
womöglich auszudehnen, ist weit dringlicher, als sie abstrakt zu negieren [...].“