Manfred Ohm

     
 


Interkulturelle Bildung


Probleme einer Programmatik der Interkulturellen Bildung und Erziehung

Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kapitel E und  Literatur
Anhang Kapitel E

 

 Inhaltsverzeichnis

B     Schlüsselbegriffe

1   Definitionen: kulturelle und ethnische Identität

2   Migration und Integration vorrangig kulturelle Probleme? Stellenwert von Ethnizität und ihr
      Gebrauchswert

3   Kann der Ruf nach kultureller Identität emanzipatorische Qualität haben?

4   Das Nationale — Identifikationsangebote. Selbst-Ethnisierung der ‘In’länder

5    „Selbstsüchtige Interessen“ und jedem nach seiner Staatsbürgerschaft

6   Definitionen: Ethno- und Eurozentrismus

7   Die ideologischen Wandlungen des Rassismus 

C     Kulturrelativismus vs. Evolutionärer Universalismus

(Mit Exkurs Islamischer Orient — Okzident)

1   Relativistische Positionen: fehlende Innenkriterien, universalistische Positionen ‘besserer
     Möglichkeiten’: fehlende Außenkriterien

2   Sind bestimmte ‘okzidentale’ Werte universalisierbar? 

Exkurs: Islamischer Orient — Okzident

3   Auch ein Universalismus: der (reaktiv-defensive) islamische Fundamentalismus

4   Wovon die Chancen einer „kulturellen Bewältigung der Aneignung der Moderne” bzw. der
      Demokratie in Nahost vordringlich abhängen

5  „Den Verstand entschleiern”. Reflexive Koranlektüre

6   Die ewigen Wahrheiten der dominanten westlichen Ideologie. Weltweite Homogenisierung
      nach dem Kapitalismus in seinem westlichen Modell

7   Kulturdifferentialistische Meisterschaft 

D     Multikulturelle Gesellschaft / Zur Programmatik eines Multikulturalismus

1   Gängige Definitionen von Multikulturalismus

2   Gegenseitige Akzeptanz

3   Anspruchsvolle, nicht konfliktfreie Multikultur

4   Explosiver Pluralismus und ein gegenläufiges restauratives Projekt

5   Kulturelle Bereichung und Gleichwertigkeit der Kulturen? Gelassenheit im Umgang mit
      Fremden

6   Bedrohte Lebenswelten. (Regressive) Formen der Unterscheidung von Innen und Außen.
     Universalisierung der Partikularität

7   Pluriversum der kulturellen Indentitäten vs. universale Identität der Bürger.
      Von der exklusiven zur inklusiven Identität
        

Kritische Anmerkungen und Fragen zu einigen vorgestellten Thesen der Abschnitte  3 – 7

8   Gefahren einer leeren Pluralität? Überdehnter Kulturbegriff?

9   Gelassenheit von wem? Gleichwertigkeit und das Einbringen unterschiedlicher sozio-
      ethnisch-kulturell bedingter Erfahrungs- und Handlungsmuster

10   Funktionale Identität? Recht auf ‘Differenz’, auf Selbstbestimmung.
        Urbane Lebenswelt heute

11   Politisch einheitsstiftendes Band und soziokulturelle und -ökonomische Ausgrenzung.
        Das Universale im Besonderen

 

Einleitung

Der Diskurs über den/das Fremde/n, über die multikulturelle -, besser die Einwanderungsgesellschaft, über Alltagsrassismus wurde in der Bundesrepublik Deutschland bis zu Beginn der 90er Jahre fast ausschließlich von der (Tages-)Politik und von Pädagogen dominiert. Die hiesige (auch die kritische) Sozialwissenschaft verhielt sich, verglichen mit der z.B. in Frankreich und Großbritannien, zurückhaltend, wenn nicht gar abstinent. Mit beidem hängt zusammen, daß ‘das/der Fremde’ sozusagen von vornherein zum ‘Problem’ definiert wurde, heute noch wird. Die konzeptionellen pädagogischen Vorläufer der (reformpädagogischen) ‘Interkulturellen Pädagogik’, die sogenannte ‘Ausländerpädagogik’ und das sogenannte pädagogische ‘Differenzmodell’, (über)betonten beide die Defizite der Immigantenkinder gegenüber dem ‘normalen’ Klientel bzw. entdeckten mit der Herkunft der Kinder ethnisch-kulturell bedingte Differenzen.[1] Der ‘Fremde’ (in der Einwanderungsgesellschaft) und seine für die ‘Integration / Assimilation’ zu erbringenden Leistungen standen im Vordergrund, nicht das gewachsene strukturelle soziokulturelle und politische Gefüge der Einwanderungsgesellschaft Deutschland. 


Die Kritik an den zugrundeliegenden, oft statischen Kulturvorstellungen, die die widersprüchlichen Entwicklungen in den Herkunftskulturen genauso ausblendeten wie die Entwicklungsdynamik in den ‘Einwanderungskolonien’, führte gegen Ende der 80er Jahre zu Herausbildung der ‘Interkulturellen Pädagogik’.[2] Was diese nun leisten kann bzw. soll, ob für sie überhaupt eine Notwendigkeit besteht, ist umstritten. Selbst eine so vorsichtige und  nicht emphatisch ‘aufgeladene’ und überladende Aufgabenbestimmung wie die nachfolgende von Kieper (1991) dürfte nicht vorbehaltslos die Zustimmung von allen PädagogInnen, Erziehungs- und SozialwissenschaftlerInnen finden: „Unter ‘interkulturellem Lernen’ wird das gemeinsame Lernen von Menschen unterschiedlicher Herkunft verstanden; es nimmt Bezug auf die jeweiligen, auch kulturell geformten Erfahrungen,
es orientiert auf Gemein-samkeiten auf der Basis der Akzeptanz von Unterschieden, orientiert auf gleichberechtigte Beziehungsformen und sucht zur Gestaltung neuer Lern- und Lebensmöglichkeiten beizutragen.“


Hier sollen im folgenden nun aber nicht entwickelte Programme und Konzepte einer Interkulturellen Pädagogik vorgestellt, verglichen und bewertet werden, vielmehr grundsätzlich noch einmal gefragt werden, wessen sich eine Programmatik der Interkulturellen Bildung und Erziehung zu versichern hat. Als Einstieg dazu sollen die nachfolgenden 13 Fragen/Fragestellungen-Blöcke dienen. Sie schlagen sozusagen Denk-Pfade, -richtungen unterschiedlicher Reichweite ein, denen zu folgen m.E. einen Erkenntnisgewinn verspricht.


Unter B werden anschließend Definitionen / Ausführungen einer Reihe von Autoren zu unerläßlichen Schlüsselbegriffen vorgestellt und danach unter C das Für und Wider von Kulturrelativismus und Evolutionärem Universalismus thematisiert, ergänzt mit einem Exkurs Islamischer Orient - Okzident. Das Kapitel D nimmt die, auch unter SozialwissenschaftlerInnen, leidenschaftlich geführte Debatte um die ‘multikulturelle Gesellschaft’ auf, indem es die Arbeiten von sechs Autoren, die mehr als eine Beschreibung dieser vornehmen, dazu befragt und anschließend kritische Anmerkungen und Fragen zu einigen von ihnen vorgestellten Thesen vorträgt. 


Erst unter E werden Probleme einer Programmatik der Interkulturellen Bildung und Erziehung direkt herausgearbeitet und in Teilen ihre Relevanz für eine interkulturelle pädagogische Praxis herausfiltriert, wobei gerade unter E auf Materialien des Anhangs G hingewiesen oder zurückgegriffen wird. Dieser Hauptteil der Arbeit gliedert sich wie folgt: (1) Im ersten Teil wird die Debatte um die ‘multikulturelle Gesellschaft’ (besonders von D8 bis D11) fortgeführt und zu zeigen versucht, daß die moderne, soziokulturell (und funktional) ausdifferenzierte Gesellschaft dem Individuum nur scheinbar leicht ‘neue Spielräume’ öffnet, interkulturelle Beziehungen im Sinne einer offenen intensiven Kulturpraxis aufzunehmen, die mehr ist als eine bloße (inszenierte) Multikulturalität im (Schul-)Alltag, mehr als ein sich akzeptierendes, duldendes Nebeneinander-her-leben oder ein Sichanheften auf Zeit an das ethnisch-kulturell, ‘exotisch’ Andere. Gefragt wird, inwieweit aus der Sicht des Individuums tatsächlich von einem — interkulturell zu nutzenden — ‘soziokulturellen Reichtum’ gesprochen werden kann und dieser nicht seine andere Seite verbirgt: ‘leere Pluralität’. Das führt zu der generellen Frage, inwieweit die Konstruktion von Gesellschaftlichkeit unter kapitalistischen Bedingungen interkulturellen Brückenschlägen selbst Schranken setzt. (2) In einem zweiten Teil von E wird herausgearbeitet, wie die Öffentlichkeit, einschließlich ihrer Institutionen mit dem ‘Fremden’ umgeht, welche Integrationschancen sie diesem eröffnet bzw. wie sie selbst eine Integration des ‘Fremden’ erschwert oder gar verhindert. Letzteres hat, verglichen mit den 80er, in den 90er Jahren eher zu- als abgenommen. ImmigrantInnen und besonders ihre Kinder und Kindeskinder sind heute wesentlich stärker als in den 80ern Ausgrenzungen und Diskriminierungen ausgesetzt, was als Folge wiederum zum verstärkten Rückzug in die eigenethnische Gruppe führt und dann von Teilen der Mehrheitsgesellschaft als Integrationsunwilligkeit deklariert wird. Man kann das als Funktionieren einer häßlichen Dialektik von Fremd- und Selbstethnisierung kennzeichnen. (3) Dennoch, so viel Widersprüchliches, Ausgrenzendes und Trennendes der Gesellschaftsform strukturell eingeschrieben ist und darüber hinaus noch produziert wird, so viele konkurrierende Varianten der Lebensweise es auch geben mag: den Indiduen ist es nicht per se versperrt, Chancen gemeinsamen Handelns, gemeinsamer (interkultureller) Praxis im öffentlichen Raum zu entwickeln und zu nutzen. Um Nutzung solcher Chancen einer Interessen- und Perspektivenverschränkung im überschaubaren Bereich (z.B. eines Stadtteils) geht es im dritten Teil von E. (4) Auf der Basis des in den ersten drei Teilen Ausgeführten werden sodann im vierten — unter Vermeidung einer normativen ‘Aufladung’, was eine interkulturelle Bildung und Erziehung alles leisten soll — Möglichkeiten, Notwendigkeiten und Gefahren einer interkulturellen Bildungs- und Erziehungspraxis Thema. (5) Im fünften abschließenden Teil wird gefragt, ob inzwischen die Zukunft für einen Großteil der Kinder und Jugendlichen aus der zweiten und dritten Einwanderergeneration verbaut ist, und wenn, ob bzw. inwieweit Bildungsinstitutionen dieses bereits resigniert in ihrer
Bildungs- und Erziehungspraxis widerspiegeln.   


Das Anhangsmaterial unter H schließlich gibt interkulturelle Materialbeispiele zur Erarbeitung der Geschichte des Osmanischen Reiches, der Türkischen Republik, des Islam etc. Solche Lernprogramme haben in den hiesigen schulischen Rahmenplänen, die eurozentrisch ausgelegt sind, und obwohl über zwei Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland leben, keinen Platz. Ziel und Zweck solcher Programme ist es, fundierte, nicht beliebige Einblicke, Zusammenhänge zu bieten, nicht nur für Jugendliche türkischer Herkunft, um Mythenbildung bezogen auf den Islam, auf die Geschichte des Osmanischen Reiches, den Kemalismus und der heutigen Türkei vorzubeugen. (Sie sind von mir besonders als Materialien für Türkeireiseprojekte entwickelt worden.)   

 

 


[1] In der ‘Ausländerpädagogik’ wurden die ‘Defizite’ vor allem unter dem Aspekt der fehlenden Deutschkenntnisse wahrgenommen. Im ‘Differenzmodell’ kam wegen der Berücksichtigung der Herkunftskulturen (oder was man darunter verstand) die Migrantenfamilien verstärkt in den Blick. Mit Hilfe einer kontrastiven Linguistik sollte der Spracherwerb der Immigrantenkinder erleichtert und gefördert werden.

[2] Vgl. z.B. Essinger / Kula 1987 und Auernheimer 1990.

 

Inhaltsverzeichnis der nachfolgenden PDF-Datei

E         Anmerkungen und Thesen zur Programmatik einer interkulturellen Pädagogik: Ausgangspunkte, Grenzen und Gefahren, Möglichkeiten und Notwendigkeiten
1                   
Kultureller Gleichklang und komplexe Gesellschaft. Nebeneinander-her-leben. Spielregeln

2                    Verarbeitungsformen der sozio-kulturellen Vielfalt. (Ewige?) Konflikthafte ‘Pluralität’ und unterlaufene Spielregeln. Sozietätsformen: Widersprüche, Restriktionen, Zufälligkeiten. „Driften“

3                   
Kultivierung von Widersprüchen und In-Differenzen. Von der Un-Möglichkeit,  alles und nichts besetzen zu können (Kurzexkurs). „Neue Spielräume“ und „zunehmende Reflexivität“?

4                   
Der Ruf nach dem autonomen starken Ich. Der/das ‘Fremde’ als Mittel zum Zweck

5                   
Der ‘intervenierende’, der sich einrichtende Fremde. Kulturelle Differenz / Konkurrenz

6                   
Immigrantenkultur, -kunst als Teil der Einwanderungsgesellschaft

7                   
(Im)Migration: Wer kam bzw. kommt warum und wie reagiert(e) die Einwanderungsgesellschaft?

8                   
Chancen gemeinsamen Handelns, gemeinsamer Praxis im öffentlichen Raum

9                   
Zwischenbemerkung

10               
Interkulturelle Bildung und Erziehung als Lern- und Arbeitsprinzip einer ‘offenen Schule’

11               
Überbetonung von ethnischen und /oder kulturellen Differenzen: ‘zwei Welten’, Bilder von/m Fremden

12               
Lern- und Lebensgeschichte des einzelnen Lernsubjekts. Soziale Identität eines ‘modernen Individuums’. Erfahrungsabgestützte Aufklärung. Angebote. ‘Expansive Lerngründe’

13               
Keine Sonderbehandlung, -pädagogik für Immigrantenkinder und -jugendliche, keine Ausrichtung auf bestimmte nationale Kulturen, Kultur’kreise’

14               
Versperrte Zukunft für Kinder und Jugendliche der zweiten und dritten Einwanderergeneration? Ohnmächtige Bildungsinstitutionen?

15               
Über ‚mangelnde Sprachkenntnisse von Im-Migrantenkindern’ – Anmerkungen zu einer ‚aktuellen’ Debatte

 

 

Kapitel E: Anmerkungen und Thesen zur Programmatik einer interkulturellen Pädagogik: Ausgangspunkte, Grenzen und Gefahren, Möglichkeiten und Notwendigkeiten
(nur als PDF-Datei)

Anhang Kapitel E: 'Erfahrungslernen' (Ohm, Ursula 1978), mit einer Anmerkung 'Erfahrungslernen und interkulturelle Pädagogik' (MO 1998)
(nur als PDF-Datei)

 

Ein Fisch

"...am Fenster vorbei". Teil eines Deutschanfängerkurs-Materials (Folienserie) für Einwandererkinder (MO 1981):
Ein Blatt und ein Luftballon fliegen ...,
eine Taube fliegt schnell ...,
Karagöz geht ...,
ein Feuerwehrauto fährt laut ... am Fenster vorbei.
Ein Fisch ...