| |
Zehn Jahre Türkei Er-Fahren
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Resümee
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
2.
Konzept
/ Anspruch und Kontext
3.
Bestandsaufnahme der
Reiseprojekte
a) Kontext der 90er Jahre
b)
Gruppen
c)
Erkundungen, Begegnungen und
(Arbeits-) Aktivitäten
d)
Zielorte:
(1) Touristenorte
(2) Städte und Dörfer,
wo man begegnungs- und/ oder arbeitsaktiv wird
e)
Inhaltliche
Vor- und Nachbereitung
·
Alltägliche interkulturelle
Praxis
·
Vorbereitungs- als
Kennenlernprogramme, Kennenlern- als Vorbereitungsprogramme
·
Zu viel, zu wenig,
zusammenhanglose Vor-Information
·
Verschulen vermeiden und
loslassen können
·
„Die Nachbereitung beginnt
bei der Vorbereitung“
4.
Ausgangspunkte. Auswertung von
Art und Form der Begegnungen und Aktivitäten
unterder Fragestellung Wirkung und
Verarbeitung der Erfahrungen
a)
Vorfindliches
Türkeibild. Ansprüche. Anstoß / Auslöser des Reiseprojektes
· Gegen das Türkeireiseprojekt
bzw. Vorbehalte. Türkeibilder
·
Probleme der
multikulturellen Gesellschaft. Überbetonung von Kultur-Differenzen
·
Ideen, Anstöße/Auslöser,
Ansprüche, Hoffnungen
b)
Geschichtsspuren
·
Beliebiger Kulturtrip vs.
fundierte Einblicke
·
Ergänzende
Zwischenbemerkung: Der Preis von Gewißheiten
·
Einzulösende Ansprüche
c)
Erfahrene
Alltagskultur. Selbsterfahrung. Welches Türkeibild
baut sich auf?
·
Punktueller intensiver
Einblick in die türkische Alltagskultur vs. Facettenreichtum
·
Das Neue, Fremde:
unübersichtlich und stressig ...
·
... eine Herausforderung,
die angenommen wird
·
Echte (bedrohte?)
Gemeinschaft
·
Erfahrene Alltagskultur in
Städten
·
Kinder und Jugendliche
türkischer Herkunft in der Türkei
·
‘Die ‘türkischen’
SchülerInnen idealisieren ihr Land und kennen es doch kaum - und
wollen
es auch nicht kennenlernen!’
·
Ost- und Westberliner
Jugendliche zusammen in der Türkei, in einem Workcamp
Dorf
d)
Sich
den(m) Fremden öffnen: ‘Solidarische Kontakte’.
Probleme und Konflikte? Welches
Eigenbild wird vermittelt?
·
Verleugnung des Eigenen
durch Überanpassung?
·
Sorge um den Fremden?
·
Konflikte durch
Interessenunterschiede und Abstimmungsprobleme
·
Irritationen und
„solidarische Kontakte“
e)
Modifizierte
Einstellungen zum Zusammenleben in Deutschland?
f)
Resümee
5. Anhang
a)
Berichtsauszüge von 61
Reisegruppen (Anhang, S. 1)
b)
Auszüge von zwei
interkulturellen Projekten, die
über einen längeren Zeitraum
durchgeführt wurden (Anhang, S. 100)
c)
Umverteilen! Arbeitsgruppe
Er-Fahren: Vorbereitung einer Reise in die Türkei - ein
Informationsblatt (Anhang, S. 113)
Einleitung
Seit
10 Jahren, genau seit dem Frühjahr 1987 finanziert die Stiftung
‘umverteilen!’ neben anderen Projekten Reisen von Kindern, vornehmlich
aber Jugendlichen in die Türkei. Bis einschließlich des Jahres 1996
haben rund 230 Gruppen mit ca. 6000 Kindern / Jugendlichen und knapp
1000 sie begleitende Erwachsene an diesen Reisen teilgenommen. Deren
Schwerpunkt war bzw. ist bis heute der Besuch von Istanbul, besonders
aber der Aufenthalt in anatolischen Workcamp-Dörfern. Dort haben sich
die Gruppen zumeist an einem gemeinnützigen Arbeitsprojekt beteiligt
oder dieses allein durchgeführt und sind dafür von den Dorfgemeinden
kostenlos untergebracht und verpflegt worden. Ergänzt wurde und wird die
Reise in der Regel durch einen etwa fünftägigen Badeurlaub an der Ägäis-
oder Mittelmeerküste. So manche Reisegruppe besuchte, aufgeteilt in
Kleingruppen, Verwandte von Reisemitgliedern oder hatte schon von Berlin
aus Kontakte zu Jugendgruppen in der Türkei geknüpft, die dann, oft
zusammen mit ihren Familien eine Gastgeberrolle übernahmen. Ohne die
Stiftungsgelder, die bei den meisten Reisegruppen fast oder ganz die
Hälfte der Reisekosten abdeckten, wäre für über 90% der Gruppen das
Projekt Türkeireise, Türkei er-fahren nicht zu realisieren
gewesen. Ca. 40% der mitreisenden Kinder und Jugendlichen waren
deutscher und etwa gut die Hälfte türkischer Herkunft,[1]
von diesen die meisten Kinder der zweiten und inzwischen schon dritten
Einwanderergeneration, d.h. in Deutschland, in Berlin geboren. Gleiches
gilt für viele Kinder von Einwanderern anderer, z.B. arabischer oder
exjugoslawischer Herkunft.
Im folgenden soll unter 2. zuerst gefragt
werden, was die Ausgangsidee war oder stärker formuliert: was die
Initiatoren der Reiseprojekte warum umgetrieben hat, Türkeireisen zu
finanzieren. Denn mit dem Stiftungsgeld hätte genauso gut anderes oder
hätten Jugendreisen in andere Länder finanziert werden können.
In einem nächsten Schritt sollen unter 3.
die Reisen dokumentiert werden unter Berücksichtigung von zwei zu
unterscheidenden Zeitabschnitten, denn der kulturelle, sozio-ökonomische
und politische Kontext hat sich in den letzten zehn Jahren, bezogen auf
Deutschland als auch auf die Türkei, einschneidend verändert. Man denke
z.B. nur an die ‘Wiedervereinigung’ der beiden deutschen Staaten, an die
Zunahme von offenem Haß und brutaler Gewalt gegenüber angeblich Fremden
im vereinten Deutschland oder an den Vormarsch des politischen Islam in
der Türkei, an die ‘Lösung’ des Minderheitenproblems dort mittels
zunehmender verdeckter und offener staatlicher Gewalt. Zum sich
verändernden Kontext einschließlich seiner Auswirkungen auf die Praxis
von interkultureller Bildung und Erziehung hierzulande werden einige
knappe Ausführungen gemacht, ohne schon direkt auf die Reiseberichte /
Dokumentationen der Reisegruppen einzugehen. Dieses setzt aber ein,
sobald, immer noch unter 3., die Gruppen nach ihrer Zusammensetzung
beschrieben und vor allem die Art und Form ihrer Begegnungen,
Erkundungen und (Arbeits-)Aktivitäten während der Reise aufgelistet
werden. Ausgangspunkt, -material, auch für die nachfolgende
Aufzählung der Zielorte und der Beschreibung, einschließlich
Kennzeichnung der Vor- und Nachbereitung der Reise, sind immer die
Berichte der Reisegruppen an die Stiftung, die diese sozusagen als
Gegenleistung zur Finanzierung einfordert. Inzwischen umfaßt das
Dokumentations-/Berichtsmaterial einige Meter Aktenordner. Daß
Projektberichte / -dokumentationen erstellt werden, dient allerdings
nicht nur der Legitimierung der Stiftung und einer wie auch immer
gearteten schulinternen und -externen Öffentlichkeit gegenüber, sondern
soll Erfahrungsverarbeitung unterstützen oder überhaupt erst anregen.
Hier nun stellt sich die Frage, in welcher
quantitativen und qualitativen Form die Projektberichte/-dokumentationen
vorliegen,
wie aussagekräftig sie sind. Das bezieht sich zum
einen auf die schon angesprochenen mehr quantitativen Erhebungen unter
3. zur Erfassung der Reisen, in noch stärkerem Maße jedoch auf die
nachfolgenden Fragestellungen unter 4. Hier wird die Ebene
des
Dokumentierens dessen was sich ereignet hat verlassen und danach
gefragt, was von der Alltagskultur in der Türkei wahrgenommen und wie
und mit welcher Auswirkung verarbeitet wird. Der nachfolgende Einschub
soll unter folgenden Stichwörtern erste Hinweise geben, in welche
Richtung das Ausgangsmaterial befragt werden kann und befragt wird,
nämlich:
1.
zu den VerfasserInnen
und zum Umfang der Berichte,
2.
zur ausführlichen und
genauen Rekonstruktion der
Reise,
3.
zum Anspruch, zur
Zielbeschreibung des Projektes,
4.
zum Staunen über
eine andere Alltagskultur und zum Wahrnehmen und Erkunden
einer
anderen Lebenswelt,
5.
zur (längerfristigen)
Wirkung und Verarbeitung der gemachten
Erfahrungen.
Hinsichtlich der genannten Punkte
unterscheiden sich die Berichte erheblich. (1) So stößt man auf
umfangreiches Berichtsmaterial, an dessen Erstellung alle
Projektbeteiligten (SchülerInnen, LehrerInnen, Teamer etc.) beteiligt
waren. Andererseits findet man solche Projektberichte vor, wo sich
entweder die begleitenden Erwachsenen allein äußern oder nur
Jugendliche. (2) Bei etwa jedem fünften Bericht fällt es dem Leser
schwer, das Reiseprojekt einschließlich Vor- und Nachbereitung überhaupt
in Ansätzen zu rekonstruieren. Andere Berichte wiederum rekonstruieren
anschaulich und präzis bis ins letzte Detail. (3) Eine explizite
Zielbeschreibung des Reiseprojektes findet man in den wenigsten
Berichten, eher schon Bemerkungen dazu, was Anstoß und Auslöser gewesen
ist, sich auf das Unternehmen Türkei er-fahren einzulassen. Das hängt
wohl damit zusammen, daß der weitaus größte Teil der
ReiseteilnehmerInnen, auch der erwachsenen Begleiter zum erstenmal an
einem solchen Projekt teilgenommen hat. Ansprüche formuliert man
leichter aus einem gesicherten, bekannten Terrain heraus. (4/5) Viele
der relativ umfangreichen Berichte enthalten begleitende Kommentierungen
der erwachsenen BegleiterInnen zum Projektablauf (Erkundungen,
Begegnungen und Arbeitsaktivitäten) und zum Teil ausführliche
Beschreibungen einschließlich Reflexionen darüber, wie sich die Kinder
und Jugendlichen dem Neuen / Fremden stellen, damit umgehen und beides
vor Ort oder später verarbeiten. Darüber hinaus enthalten alle relativ
umfangreichen Berichte / Dokumentationen zum Teil sehr ausführliche und
zumeist von Kindern und Jugendlichen verfaßte Erlebnis- und
Erfahrungsberichte, die nicht nur das Staunen über die andere Lebenswelt
artikulieren, sondern manchmal schon das Niveau der
Erfahrungsverarbeitung erreichen. Die Jugendlichen schreiben ihre
Berichte teilweise in spontaner, kunstfertiger und reicher Sprache bzw.
einer, die lebensweltlichen Widersprüchen bereits auf der Spur ist.
(Insofern - Staunen, Benennung lebensweltlicher Widersprüche und
Verarbeitung von Erfahrungen - können große Teile der Berichte durchaus
als Fundgrube, die manche Schätze (ver)birgt, betrachtet werden.) Dieses
Vermögen rührt wohl daher, daß diese Altersgruppe dem(n) Fremden
gegenüber - gerade wenn die Jugendlichen direkt, d.h. nicht nur als
Beobachtende sondern als Teilnehmende in das Alltagsleben miteinbezogen
werden - von vornherein offener ist als die meisten Erwachsenen es sind,
fällt es doch schwer(er),
sich ‘vorbehaltlos befremden’ zu lassen.
Jugendliche neigen zudem dazu, die Traditionen, in welchen sie
aufgewachsen sind,
zu kritisieren und mit dem Fremden, worauf sie
neugierig sind, den Wert des Eigenen zu relativieren.
Aber natürlich haben Berichte, wenn sie
die Erlebnisebene kaum überschreiten, für eine interpretierende
Auswertung auch ihre Grenzen. Sie greifen einerseits als Momentaufnahmen
immer in alle Richtungen aus, haben etwas Inflationäres. Andererseits
können Marginalien zum Dreh- und Angelpunkt werden, und Wichtiges droht
zu Nebensächlichem zu verkümmern. (Die (oft beklagte) Verengung des
Blick- und Wahrnehmungsfeldes bei Jugendlichen hat ihre Ursache
möglicherweise auch darin, daß sie, so offen sie generell für das Neue,
Fremde auch sein mögen, zum Schutz gegen die vielfältigen Eindrücke, die
auf einer solchen Reise auf sie einprasseln, sozusagen phasenweise einen
Wahrnehmungsfilter einbauen müssen. Man geht fehl, wenn man
dieses als Desinteresse anderem gegenüber interpretiert.) Das, was über
das Staunen hinaus in Richtung Erfahrungsverarbeitung geht, neue
Gedanken entwickelt, muß selbstverständlich kritisch geprüft werden
unter dem Leitgedanken: Jeden Gedanken wenden, nach der Rückseite fragen
und sehen, was diese verbirgt.
Dieses unter den Stichwörtern 4/5 des
Einschubs Ausgeführte verweist genau auf das, was in diesem
Gesamtbericht, dieser Auswertung unter 4. thematisiert wird. Es soll
hier nicht wiederholt, aber um einige Leitfragen ergänzt werden: Was
wird den Reisenden an Alltagskultur nicht nur veranschaulicht, sondern
was erfahren, erleben sie als teilnehmende Beobachter, die phasenweise,
punktuell in die Alltagswelt der Einheimischen miteinbezogen werden,
ganz direkt? Werden vorfindliche Einstellungen über das eigene (das der
Eltern, Großeltern) Herkunftsland bzw. über das der MitschülerInnen,
ArbeitskollegInnen und FreizeitpartnerInnen türkischer Herkunft
deutlich, bestätigt oder in Frage gestellt? Baut sich, ggfs.
kontrastierend zu einem vorfindlichen ein differenzierte(re)s Türkeibild
auf, das die alltagsweltliche sozio-kulturelle Vielfalt des Landes nicht
ignoriert, ignorieren kann? Haben die gemachten Erfahrungen während der
Reise Auswirkungen auf die Einstellung der Reisenden zum gemeinsamen
Alltag, zum Zusammenleben der verschiedenen soziokulturellen und
ethnischen Gruppen in Deutschland / Berlin? Oder ist die Türkeireise nur
eine Reise und der Alltag in Deutschland eben der Alltag? Außerdem soll
unter 4. die Frage gestellt werden, wie weit sich beide Seiten (Gäste
und Einheimische) dem/n Fremden gegenüber geöffnet haben, zu öffnen in
der Lage waren. Weil sich dieses Öffnen selten problem- und konfliktlos
vollzieht, schließt das die Frage mit ein, ob und welche
Konfliktlösungsstrategien ergriffen wurden, was voraussetzt, daß
Konflikte auch positiv besetzt werden.
Die Projektgruppen stellen in ihren
Berichten selten Fragen, die wie hier unter 4. einen Grad solcher
Verallgemeinerung aufweisen (siehe oben: Anspruch). Hier soll aber
gleichwohl die Orientierung an solchen Fragen beibehalten werden. Das
ist m.E. dann legitim, wenn man sich der Gefahr der Überinterpretation
oder des Sichablösens vom Berichtsmaterial bewußt ist. Außerdem soll
hier keineswegs suggeriert werden, daß Fragen nach
Einstellungsveränderungen, die sich schnell stellen lassen, generell
so einfach beantwortet werden können. Einstellungen bauen sich über
lange Zeiträume im Alltag auf und werden und können gar nicht von heute
auf morgen umgepolt werden, auch und gerade nicht von Unternehmungen,
die sich vom Alltagsleben stark abheben.
Unter 4.f) wird, ausgehend von den
Stichwörtern Grenzen, Gefahren, Möglichkeiten und Notwendigkeiten, ein
kurzes Resümee gezogen: Was können bzw. sollten die Reiseprojekte
leisten und was nicht? Generell wird die Frage bejaht, ob Türkeireisen
mit gutem Grund weiterhin Kinder- und Jugendgruppen türkischer,
deutscher und anderer Herkunft zusammen angeboten werden sollen. Man
kann nämlich auch so fragen und argumentieren: Ist nicht gerade eine
Reise in ein für alle gänzlich fremdes Ausland, beispielsweise nach
Polen, England oder Italien viel sinnvoller? Niemand mehr stünde unter
dem (auch) Druck eines angeblichen Heim(atland)vorteils, alle sind dort
Ausländer und können nicht auf die Muttersprache zurückgreifen. Um schon
an dieser Stelle eine Antwort zu geben: Dieses Argument hat gewiß seine
Plausibilität, sollte aber nicht in Konkurrenz zu Türkeireisen benutzt
werden. Solche Reisen können gar nicht Ersatz dieser, höchstens
Ergänzung sein, das zeigen die Ausführungen unter 3. und 4., desgleichen
die Berichtsauszüge im Anhang (5.), die gerade, entgegen der
ursprünglichen Absicht, auch deshalb in dieser Breite dokumentiert
werden.
Zum Schluß dieser Einleitung ein Hinweis
darauf, warum jetzt nach genau 10 Jahren ein erster Gesamtbericht
überfällig ist. Neben der runden Zahl 10, daß man sich nämlich nach
einer solchen Zeit voller Aktivitäten einmal Rechenschaft auch über die
ausgegebenen Gelder ablegt, hat das mit dem gequälten Interesse zu tun,
um nicht zu sagen mit der Gleichgültigkeit, mit der solche
interkulturellen Projekte immer schon von staatlicher, von
schuladministrativer Seite bedacht wurden. Auch die Schulaufsicht
Berlin-Kreuzbergs, die die Hälfte der SchülerInnen ihres Bezirks immer
noch als „Ausländerkinder“ führt, tat sich nicht nur mit der materiellen
Förderung solcher Projekte schwer, wie ein flüchtiger Blick in viele
Türkeireise-Berichte zeigt. Für manch eine(n) Kreuzberger Schulrat(rätin)
waren die von der Stiftung geförderten Projekte kaum etwas anderes als
touristische Schulfreizeiten mit Badevergnügen. Die staatliche
Schulaufsicht schätzt eben nur das an Innovation, was von ihr selbst
kommt - und das ist pädagogisch betrachtet wenig - oder unter ihrer
Aufsicht entsteht. Initiativen von anderer Seite, z.B. des
‘Instituts für Interkulturelle Bildung und Erziehung’ der Freien
Universität oder gar von unten, sind ihr von vornherein suspekt,
werden aber gern zum Zwecke sozialer Befriedung funktionalisiert.
Eine Ausnahme bildete die Zeit unmittelbar nach dem „Deutschen Herbst
‘92“: Anti-rassismus-Geldtöpfe und andere staatliche Geldquellen wurden
geöffnet und sollten Präventionsmaßnahmen einleiten. Heutzutage,
angesichts leerer Staatskassen, wo allein der Kampf um den Status quo
auch im Bildungs- und Erziehungsbereich schon als Reformpädagogik
verkauft wird, muß sich die Administration nicht einmal mehr
legitimieren. Es wird schlicht darauf verwiesen, daß Schulen und
außerschulische Bildungs- und Erziehungseinrichtungen mit dem Etat
auszukommen hätten, der ihnen zugewiesen wird, ansonsten gäbe es ja
private Sponsoren und die Privatkasse der unmittelbar Beteiligten. Kein
Wunder also,
daß so manche Türkeireise 1996 storniert oder gar nicht
erst mehr angedacht wurde.
Aber auch die betroffenen PraktikerInnen selbst sind sich heutzutage ihrer Sache nicht mehr so
sicher. Generell finden sich diejenigen schulischen und außerschulischen
PädagogInnen vom Zeitgeist besser bestätigt, die interkulturellen
Projekten, auch Türkeireisen eher skeptisch bzw. gar ablehnend
gegenüberstehen. Dazu gehört so manch eine/r, die/der vor Jahren noch
stark ‘multikulturell bewegt’ war und unsere multikulturelle
Gesellschaft (zu) stark normativ definiert hat. (Unter 4.a) wird auf
dieses Problem eingegangen.)
Resümee
Zum
Schluß dieser Auswertung soll die implizite Frage von 3.e) bis 4.e)
direkt gestellt und auf der Basis des Ausgeführten knapp beantwortet
werden: Was können bzw. sollten Türkei-Reiseprojekte leisten, was
kann von ihnen nicht erwartet werden, d.h. wo sind Grenzen und
Gefahren, vordringlich aber auch, wo eröffnen sich Möglichkeiten
und Chancen?
Türkei-Reiseprojekte können
interkulturelles Arbeiten, interkulturelle Bildung und Erziehung in
Berlin nicht ersetzen, aber als zusätzliches Angebot ergänzen
oder Auslöser für zukünftiges interkulturelles Arbeiten sein.
Hinsichtlich der Menge dessen, was während der Reise alles
angeboten und veranstaltet wird, sollten die Projekte nicht überfrachtet
werden, damit Überschaubarkeit und Erfahrungsverarbeitung gewährleistet
bleiben. Die Projekte sollten zudem vom Anspruch her nicht zu
stark ‘aufgeladen’ werden, was die Reise alles leisten soll. Das kann
nur zu Enttäuschungen bei allen Beteiligten führen. Die Reise ist zwar
‘nur eine Reise’, aber eben auch eine in das Herkunftsland der
‘türkischen’ Kinder und Jugendlichen und insofern als Reiseziel nicht
beliebig, nicht austauschbar. Man baut ‘falsche’ bzw. oberflächliche
Vorstellungen und abstrakte Identifikationen nicht dadurch ab, daß man
das Land meidet, sie müssen mit der Realität konfrontiert werden.
Kinder, Jugendliche und Erwachsene, gleich
welcher Herkunft, haben während der Reise die Möglichkeit, vielfältige
Einblicke in den Alltag der Türkei zu nehmen. Erkannt wird dabei, daß es
‘das Türkische an sich’ nicht gibt - allenfalls als ideologisches
Konstrukt -, vielmehr nur von einer lebendigen, sich ständig
verändernden (Alltags-)Kultur mit all ihren Konflikten und
Widersprüchen gesprochen werden kann. So lautet das Reisefazit für den
Jugendladen Fichtestraße (5.a), 41f.) nicht zufällig: „Die Reise
hat den Jugendlichen, egal welcher Nationalität, das Leben in der Türkei
in seinen Widersprüchen und seiner Faszination nähergebracht und ist
auch so von den meisten Jugendlichen erlebt worden. - Uns ging und geht
es nicht darum, daß die Jugendlichen mit einem Idealbild der Türkei
zurückkehren, sondern gerade um die Normalität des widersprüchlichen
Lebens, das in jedem Land existiert.“ - Bei über 2 Millionen Menschen
türkischer Herkunft in Deutschland sollte hierzulande ohnehin die
(‘nachholende’) Entwicklung der Türkei (früher und heute) Thema in der
Öffentlichkeit und der Bildung sein. Und zwar nicht nur und erst dann,
wenn das bilaterale Verhältnis beider Länder oder das Verhältnis
zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der Minderheit von
Einwanderern aus der Türkei gestört ist bzw. scheint. - Es besteht die
Gefahr, das Andere / Fremde (die facettenreiche Alltagskultur in
der Türkei) als das ‘ganz Andere’, als das sozusagen
‘inhaltsleere Exotische’ zu bestaunen und zu bewundern, nicht als
das zu betrachten, was es wirklich ist, was ihm eigen ist, in welchem
Kontext (als Gewordenes) es steht, in seinem Eigensinn. Selbst
das anatolische Dorf ist ja nicht ‘außerhalb dieser Welt’.
Aus der Tatsache, daß sich die Mitglieder
der Reisegruppe auf Zeit miteinander verschränken[2]
und sich ggfs. solidarische Kontakte mit den Einheimischen entwickeln,
kann nicht reduktionistisch geschlossen werden, beides ließe sich
konservieren für bzw. verlängern in den Alltag hierzulande. Diese Formen
des Sich-mit-einander-verschränkens bzw. von solidarischen Kontakten
bleiben gebunden an einen speziellen Ort und an eine spezielle Zeit.
Dennoch stellen sich auf der Basis dieser Erfahrungen Fragen wie
folgende leichter: Wie ist es mit dem Verständnis, der Solidarität
Einwanderern gegenüber in Deutschland bestellt, auch mit dem/der
eigenen? Ist es nicht unsinnig, sich anderen gegenüber in Konkurrenz
gesetzt zu sehen, setzen zu lassen, nur weil sie anderer, nicht
deutscher Herkunft sind? (Es gibt genügend gesellschaftlich
eingerichtete Konkurrenz, ihr muß nicht noch eine besondere Variante
hinzugefügt werden, möglicherweise als Ersatzkonkurrenz neben den harten
Tatsachen.)
Generell haben Jugendliche nichttürkischer
Herkunft außerdem gerade während der Türkeireise die Chance, zu
entdecken, daß ihre ‘türkischen’ FreundInnen, MitschülerInnen so weit
weg von ihnen, so anders als sie in ihrem Denken und Verhalten gar nicht
sind.
Ob und wie konsequent Jugendliche diese
Fragen stellen, diese Chancen ergreifen - Ansätze dazu sind in den
Berichten zu finden -, ist auch abhängig davon, inwieweit erwachsene ReisebegleiterInnen die Erfahrungsverarbeitung der Jugendlichen vor Ort
in der Türkei und per Nachbereitung behutsam und geduldig anleiten und
begleiten. Vielleicht weil den LehrerInnen, SozialarbeiterInnen etc.
spätestens während der Nachbereitung der Reise deutlich wird, daß sich
Einstellungs- und Verhaltensveränderungen bei den Jugendlichen (vgl.
Einleitung S. 6) durch noch so intensive und positive Erfahrungen
während der Reise nicht zwangsläufig ergeben, haken sie die Reise zu
schnell ab. Damit bleiben aber Chancen für alle ungenutzt, auf der Basis
solcher Fragen wie oben genannt, weiter zu reflektieren. - So
reichhaltig das Berichtsmaterial sich in vieler Hinsicht präsentiert,
hier ist die große Leerstelle.
Besonders die Jugendlichen türkischer
Herkunft dürfen von den erwachsenen BegleiterInnen nicht überfordert
werden, sie reisen nicht in ‘ihr Heimatland’, auch wenn sie es selber so
sehen und kundtun. Diesen Jugendlichen wird schnell deutlich, daß sie in
ein Land, in eine Gesellschaft kommen, das/die ihnen in großen Teilen
fremd ist. So manche Identifikation mit ‘der Türkei’ aus der Ferne
gerät, konfrontiert mit dem konkreten Alltag vor Ort, in Widersprüche.
In den Reiseberichten wird das vielfach indirekt oder direkt deutlich.
Den Jugendlichen wird mehr und mehr bewußt, daß sie Kinder einer anderen
Gesellschaft sind: „Ich kann mir nicht vorstellen, wieder in der Türkei
zu leben. (Man achte auf das „wieder“, M.O.) Urlaub und so, ist okay,
aber nicht da leben. Ich möchte hier bleiben.“ (5.a), 45) Die eigene
Standortbestimmung, die vorgenommene Verortung fällt nicht immer so klar
aus, wie bei diesem schon etwas älteren Jugendlichen, der sich in der
Berufsausbildung befindet. Bei SchülerInnen türkischer Herkunft wird sie
zumeist so bewußt und permanent, wie es oft unterstellt wird, noch gar
nicht vorgenommen[3],
genau wie Jugendliche ja auch nicht ständig ‘auf der Suche nach
Gewißheit’ sind[4] und nach
ihren kulturellen ‘Wurzeln’ graben.
|
|